Doch die Begeisterung für Mülltaucher, Gratismieter und Umsonstladennutzer gerade in den bürgerlichen Medien dürfte sich nicht allein aus dem Bedürfnis erklären, die eigene drohende Deklassierung in symbolisches Kapital umzumünzen. Sie zeigt auch eine Veränderung des disziplinierenden Zugriffs auf die Armen an, denen die Mülltaucher politisch korrekte Konkurrenz machen. Aus Perspektive der »Gratisökonomie« nämlich ist den Armen nicht so sehr ihre vermeintliche Faulheit als ihre Unzufriedenheit mit der eigenen sozialen Lage anzulasten. Indem sie vorführen, dass das Leben vom Abfall dem falschen Luxus vorzuziehen ist, propagieren die Mülltaucher die Identifikation mit der Misere als Erhöhung der Lebensqualität und exponieren sich als Avantgarde einer Gesellschaft, die das Elend nicht einfach als nauturgegeben, sondern als attraktive Option für die Zukunft begreift.
Magnus Klaue - Abfall für alle (Jungle World Nr. 5, 2. Februar 2012)